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Etage Neun: Drahtseilakt

Als Max aus dem Büro seines Anwalts, Herrn Prohl, ging, war er erleichtert. Er wischte seine feuchten Hände an den Seiten seiner Jeans ab. Der Anwalt hatte ihn bei der Verabschiedung angegrinst. Doch die schwitzigen Hände sprachen Bände von der Anspannung, die beide Männer gespürt hatten.

Das Gespräch mit Manuela und ihrer Mutter Ingrid war erwartungsgemäß unangenehm verlaufen: Madame Pompadour, wie Max seine ex-Schwiegermutter in spe boshaft nannte, hatte sich ausgezeichnet auf das Gespräch mit seinem Anwalt vorbereiten lassen. Ingrids Anwalt, den seine noch-Ehefrau Manuela jedoch nicht für die Scheidung akzeptieren wollte, hatte Ingrid ausgiebig über die Rechtslage und Max‘ Pflichten als wohlsituierter, baldiger ex-Ehemann aufgeklärt. Somit sah sie es für Max und Herrn Rechtsanwalt Prohl als überaus wichtig an, dass sie dabei war und beide entsprechend informiert hatte. Nun waren sie vollständig instruiert. Ingrid erwartete baldige Befolgung ihrer Anordnungen.

“Pah” schnaubte Max verächtlich vor sich hin, als er in Richtung Treppenhaus lief.

Wenn die Angst mitfliegt

Annes Augen blickten unruhig hin und her. Die Geräuschkulisse war überwältigend. Hinter ihnen stand eine vierköpfige Familie. Die zwei Kinder im Alter von zwei und vier Jahren vergnügten sich auf dem Boden und spielten mit ihren Schuhen. Die junge Mutter schmuste mit ihrem Mann, um sich dann wieder glücklich ihren Kindern zuzuwenden.

 

Oh Mann, wieso kann ich nicht auch so gelassen sein, fragte sich Anne. In ihrem Bauch rumorte es, dabei kam sie gerade von der öffentlichen Toilette zurück. Verzweifelt klammerte sie sich an ihren Freund Andre. Der küsste sie auf die Stirn, selbst schon auf den Check-In-Schalter konzentriert, denn gleich waren sie an der Reihe. Anne zitterte am ganzen Körper. Sie fröstelte und schlug die Strickjacke fest übereinander. Ihre Augen glitten prüfend über die anderen Fluggäste. Oh, da war einer, der sah richtig gefährlich aus – selbst seine Blicke, die wie die eines Falken durch die Menge streiften, verhießen nichts Gutes. Das gefiel Anne gar nicht. Ihr missfiel auch ihr eigenes Stereotyp, das sie hier gerade anwendete. Bloß weil der einen langen Bart trug und sich ihrer Auffassung nach auffällig benahm … Bärte sind doch modern und … vielleicht hat der auch nur Angst? Wenn es jemand wirklich darauf abgesehen hätte, würde der sich eher bemüht unauffällig unter die Passagiere mischen. Und das wäre noch schlimmer. Woran sollte sie Übeltäter nun erkennen?

Im Takt der Angst

Heute war es soweit. Mehrere Monate hatte sie warten müssen. Diese Zeit war geprägt von stundenlangen Gesprächen mit ChatGPT, mehreren schlaflosen Nächten und endlosen Grübeleien auf ihren Gassirunden. Fia stand vor dem Spiegel und fuhr mit dem Konturenstift über den Rand ihrer Unterlippe. Ein saftiges Braun, das zu ihrer Augenfarbe passte. Ihre Hand, ihr ganzer Arm waren schwer vor Anspannung. Mehrfach musste sie den Stift absetzen, um mit leicht geöffnetem Mund Luft zu holen. Wenn ich jetzt schon Atemnot habe, was soll das nachher erst werden …, dachte sie, während ihre Augen zum Asthmaspray glitten. Das würde sie sich für später aufheben, denn es sollte in den wichtigen Minuten wirken.

Fia sah in ihr Spiegelbild und setzte den Konturenstift ab. Der Strich war doch etwas dicker geworden, als beabsichtigt. Sie trug den haltbaren Lippenglanz auf, legte auch diesen wieder zurück in die kleine Schminktasche und sah prüfend in ihr Spiegelbild. Nur noch den kleinen Dutt im Nacken zurechtgerückt und festgezogen. Jetzt ist‘s ok, dachte sie und wandte sich ab. Einige Minuten später war sie auf dem Weg zur Bahn, um sich auf den einstündigen Weg zu ihrem einzigen Termin an diesem Tag zu machen. Oh Mann, eine Stunde … dachte sie verzweifelt, während ihr Herz raste.

Schattenflucht

Wollte sie das wirklich? Ihre Gedanken liefen Sturm, als sie in den dunklen Tunnel starrte, der sie zahnlos angähnte.

Fröhliches Gelächter holte sie in die Realität zurück. Cora stand in der Schlange, um ein Ticket für die Fahrt mit der nächsten Grubenbahn zu kaufen. Sie studierte die Preisliste, während ihre Sinne die Umgebung aufnahmen. Kälte strömte aus dem Tunnel in ihre Richtung und trug den Duft feuchter, schwerer und abgestandener Erde mit sich.

Die Preisliste verschwamm vor ihren Augen. Sie blinzelte und blickte in dem kleinen Verkaufsstand hin und her, während die Touristen, die vor ihr an der Reihe waren, sich lautstark über ihre Helmgrößen austauschten und sich gegenseitig aufzogen: „Hey, für meinen dicken Kopf gibt es nicht mal Fahrradhelme“, brüllte einer der jungen Männer gutgelaunt, während seine Freunde laut auflachten.

Der junge Verkäufer blickte grinsend von einem zum anderen: „Diese Helme passen auf jeden Kopf, glaubt mir“, versicherte er der Gruppe.

Nach und nach griff sich jeder von ihnen einen herausgereichten Kopfschutz und ging vor die Tür. Es wurde leise, als Cora an den Verkaufstresen trat und nach einem Ticket und einem Helm fragte.

„Sie gehören zur Tour?“ deutete der junge Mann dahinter fragend auf die Gruppe.

Cora schüttelte den Kopf: „Nein, allein, bitte nur die Fahrt ohne Tour - das dauert immer viel zu lange.“

Der junge Mann sah sie prüfend an und gab ihr Helm und Ticket: „Bleiben Sie bitte immer innerhalb der ausgezeichneten Wege. Es gibt viele Gänge, die abgesperrt sind und in denen wollen Sie sich nicht verlieren.“ Ein letzter strenger Blick begleitete sie vor die Tür.

Den Helm in einer Hand, die andere hielt das Ticket, stand Cora unschlüssig vor der Grubenbahn. Kleine dunkelgrüne Abteile, sie zählte sieben davon, waren gerade mal so groß, dass man gebückt einsteigen und sich sofort auf einen der Klappsitze setzen musste, während man mit den Händen die gegenüberliegenden Wände des Abteils berühren konnte. Gruselig, dachte sie und steckte vorsichtig den Kopf in eines der noch leeren Abteile. Die ersten Waggons waren schon durch die fröhliche Gruppe besetzt worden.

 

Dunkles Erbe

Dunkel …. So dunkel … irgendetwas hatte sie geweckt. Sie konnte sich nicht erinnern. Schläfrig bewegte sie sich. Sie war so müde. Nur umdrehen und weiterschlafen…, diesen Gedanken fühlte sie mehr, als dass ihr die Worte bewusst waren. Plötzlich wurde ihr heiß. Sie riss die Augen weit auf, doch es blieb stockdunkel. Sie konnte nichts sehen, weder die kleinste Lichtquelle noch den kleinsten Schimmer eines Lichts. Panik stieg in ihr auf. Erst als ihr fast übel wurde, merkte sie, dass sie den Atem angehalten hatte. Sie zwang sich einzuatmen … auszuatmen …. Panisch griff sie um sich. Fühlte mit den Händen nach ihrer Decke, nach ihrem Kopfkissen, der Leere ihres großen Bettes. Alles so wie sie es erwartete … und doch … so dunkel … kalt …

Sie horchte in die Dunkelheit, versuchte, Geräusche der Straße aufzufangen. Nichts. Sie schlug mit dem Mittelfinger auf ihre Uhr, um sich die Zeit im Schlafmodus anzeigen zu lassen - es war kurz nach 3 Uhr. Als sie ein Geräusch im Zimmer vernahm - ganz leise – fing sie an zu zittern. Es klang wie … Atem, verhaltener Atem. Ein eiskalter Hauch strich über ihre nackten Arme. Hatte sie die Klimaanlage angelassen?

Der letzte Schritt

Ira setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Noch bewegten sie sich über eine hügelige     Anhöhe, die etwa 50 Meter breit und an den Seiten sanft abgeneigt war. Ging man zu nah an den Rand, konnte man in die tiefen Hänge sehen. In Abständen befanden sich dort kleine Gehöfte mit modernen Holzhäusern, die auf eine kleine begradigte Fläche gebaut worden waren. Über die Wiesen liefen bunte Hühner und Kühe, deren Fell in der Sonne goldig glänzte. Die Hütten konnte man über schmale Schotterwege mit einem Auto erreichen.

Ira ließ ihren Blick schweifen und seufzte glücklich auf. Sie liebte diesen Anblick, auch wenn die Aufstiege anstrengend waren. Je weiter man nach oben kam, umso kühler wurde es - sie hatte sich sogar eine gefütterte Jacke eingepackt, damit sie auf dem Berg nicht fror. Die Sonne strahlte mit dem blauen Himmel um die Wette. Das war genau das Wetter, das Tim so liebte. Und sie liebte Tim …

Vorwärts und weiter, schallte es durch ihren Kopf wie ein Mantra. Vorwärts und weiter … dieses Mantra half ihr, ihren Atem zu zügeln und den Anstieg in der kontinuierlichen Geschwindigkeit, die Tim vorgab, durchzuhalten. Von Zeit zu Zeit raste ihr Herz gefühlt unkontrolliert, aber wenn sie auf ihren Atem achtete – bloß nicht hecheln, sondern tief ein und aus atmen – dann verlor sich das nahende Gefühl der atemlosen Ohnmacht. Sie sah auf den breiten Rücken ihres Mannes, auf die wohlgeformten, starken Waden in den knöchelhohen Wanderstiefeln, die sich Schritt für Schritt vorwärtsbewegten. Er schien keine Atemprobleme zu haben, wunderte sich Ira wie so häufig vorher. Vielleicht war es ihre dumpfe Angst, die wie ein Dämon im Hintergrund schlummerte und ihr die Energie entzog …

Kaltes Dunkel

… oben entfaltete sich ein Strauß von Sonnenstrahlen, die sich wie leichter Nebel durch die Wellen brachen. Über ihr spannte sich die Meeresoberfläche – eine unruhige, stahlgraue Membran aus eiskaltem Wasser. Jana hatte ihren Kopf weit nach hinten gebogen, um den Lichtkegel in den Augen zu behalten. Hier unten war alles so still … und kalt … der Atem wich aus ihren Lungen und langsam verblasste die Welt da oben langsam im ewigen Blau des Meeres … alles wurde dunkel … und friedlich.

…

Es war ein heller Sommertag Mitte Juni. Jana und Henrik scherzten miteinander, als sie Hand in Hand auf den kleinen Kahn zuliefen.

„Mensch das ist ja mal Vintage, oder?“ lachte Henrik seine Jana an.

Die grinste und zog ihn mit ihrer freien Hand an sich heran. Er beugte sich zu ihr und während sie liefen, berührten sich ihre Lippen leicht. Der Hafen vibrierte vor Leben, nachdem ein großes Kreuzfahrtschiff angelegt hatte. Von den benachbarten Anlegestellen spieen kleine Boote und Zodiacs weitere Touristen der größeren Schiffe aus, die keine direkte Anlegestelle buchen konnten. Der Hafen lag direkt unterhalb der Stadt Longyearbyen und bot einen weiten Blick über die Bucht auf die umliegenden Berge. Jana seufzte und sah glücklich lächelnd um sich, während Henrik seine hübsche Frau mit bewundernden Blicken musterte. In ihren gefütterten schwarzen Wanderhosen, den knöchelhohen Wanderstiefeln in braunrotem Leder und der orangenen Winterjacke passte sie sich wunderbar in das schillernde Sonnenlicht inmitten der ansonsten winterlich anmutenden Landschaft Spitzbergens. Selbst die vielen Touristen, die mit ihren Handys herumstanden, störten Jana diesmal nicht, als sie den Blick über den Hafen schweifen ließ. Die Luft roch nach Meerwasser und Henrik konnte fast das Salz auf seinen Lippen schmecken, wenn eine der starken Windböen vom Meer auf die staubigen Straßen im Hafen fegte.

Sie steuerten zielorientiert auf den kleinen Holzkahn zu, der auf den Wellen schwingend zu ihren Füßen lag. Jana atmete tief ein und wandte sich mit fragendem Blick Henrik zu. Der hatte schon den Kapitän erblickt, mit dem sie die Fahrt gestern abgesprochen hatten.

 
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